"Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter, Liebenden, sind uns andern, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im Luftleeren Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker. Du schläfst an der Brust der Mutter, ich wache in der Wüste. Mit scheint die Sonne, dir scheinen Mond und Sterne, deine Träume sind von Mädchen, meine von Knaben..."
Hermann Hesse
aus "Narziß und Goldmund",1930. viertes Kapitel, Narziß' Ansprache an Goldmund
Zitate von Hermann Hesse sowie anderen Verstorbenen und Untoten. Hier soll das essentielle Leid des Menschen erfasst werden. Auch Wolfgang Wendland leistet seinen Beitrag.
Samstag, 30. Oktober 2021
Dienstag, 29. Oktober 2019
Vagantenleben
"In den ersten Zeiten seiner neuen Wanderschaft, im ersten gierigen
Taumel der wiedergewonnenen Freiheit, mußte Goldmund erst wieder
lernen, das heimatlose und zeitlose Leben der Fahrenden zu leben.
Keinem Menschen gehorsam, abhängig nur von Wetter und Jahreszeit,
kein Ziel vor sich, kein Dach über sich, nichts besitzend und allen
Zufällen offen, fuhren die Heimatlosen ihr kindliches und tapferes,
ihr ärmliches und starkes Leben. Sie sind die Söhne Adams, des aus
dem Paradies Vertriebenen, und sind die Brüder der Tiere, der
unschuldigen. Aus der Hand des Himmels nehmen sie Stunde um Stunde,
was ihnen gegeben wird: Sonne, Regen, Nebel, Schnee, Wärme und
Kälte, Wohlsein und Not, es gibt für sie keine Zeit, keine
Geschichte, kein Streben und nicht jenen seltsamen Götzen der
Entwicklung und des Fortschritts, an den die Hausbesitzer so
verzweifelt glauben. Ein Vagabund kann zart oder roh sein,
kunstfertig oder tölpisch, tapfer oder ängstlich, immer aber ist er
im Herzen ein Kind, immer lebt er am ersten Tage, vor Anfang aller
Weltgeschichte, immer wird sein Leben von wenigen einfachen Trieben
und Nöten geleitet. Er kann klug sein oder dumm, er kann tief in
sich wissend sein, wie gebrechlich und vergänglich alles Leben ist
und wie arm und angstvoll alles Lebendige sein bißchen warmes Blut
durch das Eis der Welträume trägt, oder er kann bloß kindisch und
gierig den Befehlen seines armen Magens folgen – immer ist er der
Gegenspieler und Todfeind des Besitzenden und Seßhaften, der ihn
haßt, verachtet und fürchtet, denn er will nicht an all das
erinnert werden: nicht an die Flüchtigkeit alles Seins, an das
beständige Hinwelken alles Lebens, an den unerbittlichen eisigen
Tod, der rund um uns das Weltall erfüllt.
Die Kindlichkeit des
Vagantenlebens, seine mütterliche Herkunft, seine Abkehr von Gesetz
und Geist, seine Preisgegebenheit und heimliche immerwährende
Todesnähe hatten längst Goldmunds Seele tief ergriffen und geprägt.
Daß dennoch Geist und Wille in ihm wohnte, daß er dennoch ein
Künstler war, machte sein Leben reich und schwierig. Jedes Leben
wird ja erst durch Spaltung und Widerspruch reich und blühend. Was
wäre Vernunft und Nüchternheit ohne das Wissen vom Rausch, was wäre
Sinnenlust, wenn nicht der Tod hinter ihr stünde, und was wäre
Liebe ohne die ewige Todfeindschaft der Geschlechter?"
Hermann Hesse, aus "Narziß und Goldmund", Dreizehntes Kapitel
Gegensätze
"Es war ja schmählich, wie man vom Leben genarrt wurde, es war zum
Lachen und zum Weinen! Entweder lebte man, ließ seine Sinne spielen,
sog sich voll an der Brust der alten Eva-Mutter – dann gab es zwar
manche hohe Lust, aber keinen Schutz gegen die Vergänglichkeit, man
war dann wie ein Pilz im Walde, der heut in schönen Farben strotzt
und morgen verfault ist. Oder man setzte sich zur Wehr, man sperrte
sich in eine Werkstatt ein und suchte dem flüchtigen Leben ein
Denkmal zu bauen – dann mußte man auf das Leben verzichten, dann
war man bloß noch Werkzeug, dann stand man zwar im Dienst des
Unvergänglichen, aber man dorrte dabei ein und verlor die Freiheit,
Fülle und Lust des Lebens. So war es dem Meister Niklaus ergangen.
Ach, und es hatte
dies ganze Leben doch nur dann einen Sinn, wenn beides sich erringen
ließ, wenn das Leben nicht durch dies dürre Entweder-Oder
gespalten war! Schaffen, ohne dafür den Preis des Lebens zu
bezahlen! Leben, ohne doch auf den Adel des Schöpfertums zu
verzichten! War denn das nicht möglich?
Vielleicht gab es
Menschen, denen es möglich war. Vielleicht gab es Ehemänner und
Familienväter, denen über der Treue nicht die Sinnenlust
verlorenging? Vielleicht gab es Seßhafte, denen der Mangel an
Freiheit und an Gefahr das Herz nicht eindorren ließ? Vielleicht. Gesehen hatte er noch keinen.
Es schien alles
Dasein auf der Zweiheit, auf den Gegensätzen zu beruhen, man war
entweder Frau oder Mann, entweder Landfahrer oder Spießbürger,
entweder verständig oder gefühlig – nirgends war Einatmen und
Ausatmen, Mannsein und Weibsein, Freiheit und Ordnung, Trieb und
Geist gleichzeitig zu erleben, immer mußte man das eine mit dem
Verlust des anderen bezahlen, und immer war das eine so wichtig und
begehrenswert wie das andere! Die Frauen hatten es hierin vielleicht
leichter. Bei ihnen hatte die Natur es so geschaffen, daß von selbst
die Lust ihre Frucht trug und aus dem Liebesglück das Kind wurde.
Beim Manne war statt dieser einfachen Fruchtbarkeit die ewige
Sehnsucht da. War der Gott, der alles so geschaffen hatte, denn böse
oder feindselig, lachte er schadenfroh über seine eigene Schöpfung!
Nein, er konnte nicht böse sein, wenn er die Rehe und Hirsche, die
Fische und Vögel, den Wald, die Blumen, die Jahreszeiten geschaffen
hatte. Aber der Riß ging durch seine Schöpfung, sei es nun, daß
sie mißglückt und unvollkommen war, sei es, daß Gott eben mit
dieser Lücke und Sehnsucht des Menschendaseins besondere Absichten
haben mochte, sei es, daß dies der Same des Feindes war, die
Erbsünde? Aber warum denn sollte diese Sehnsucht und Ungenüge Sünde
sein? Entstand nicht aus ihr alles Schöne und Heilige, was der 263
Mensch geschaffen hatte und Gott als Dankesopfer zurückgab?"
Hermann Hesse, aus "Narziß und Goldmund", Sechzentes Kapitel
Montag, 20. August 2018
Scheitern

"Im Scheitern nämlich erfahren wir unser Begrenztsein. Deshalb ist das Scheitern eine stärkere Erfahrung als der Erfolg. Auf dem Gipfel angekommen zu sein bedeutet, es geschafft zu haben, mehr nicht. Das Ziel ist damit verschwunden. Mit dem Scheitern bleibt das Ziel. Die Verzweiflung darf folgen, als das Begreifenwollen des Scheiterns, als das Fassen der eigenen Grenze. Wie oft bin ich gescheitert!"
Reinhold Messner
Samstag, 20. Januar 2018
Wölfi II

"Jede Lehre hat zum Mittelpunkt den Lehrer, einen Menschen also, welcher Mut, Selbstvertrauen und Pathos genug besaß, sich selbst als Zentrum der Welt zu setzen und von da aus Sinn und Ordnung in die Vielheit der Erscheinungen zu bringen."
Hermann Hesse, aus "Abschied"
Montag, 10. Juli 2017
Lebenskreis (meisterhafter Hesse II)

"Wieder umfaßte Neander im Anblick der vielfarbigen, fernschwebenden Gipfel den Umfang seines inneren Lebens. Er stand auf der Seite des Nordens, er stand auf der Seite des Verzichtes und der unstillbaren Sehnsucht. Der Kampf aber war eingeschlummert. Seit er die Lebenshöhe überschritten hatte und tiefer ins Tal der langen Schatten hinabgestiegen war, hatten seine Gedanken die Flucht vor dem Tode aufgegeben. Von wo er kam, und wohin er ging, schien ihm ein und dasselbe Land. Die lockende Stimme des Lebens, die ihn seit Kinderzeiten vorwärts getrieben hatte, war ihm allmählich zur Stimme des Todes geworden, welche von jenseits rief und der zu folgen nicht minder schön und seltsam war. Leben oder Tod, das waren nur Namen, aber die lockende Stimme war da und sang und zog und hieß ihn im guten Takt der Tage schreiten, und der Weg führte nach der Heimat."
Hermann Hesse, aus "Das Haus der Träume"
Samstag, 25. Februar 2017
Dufte Definitionen
Blickroute, die
Die Distanz, die es einfallsreich zu überbücken gilt, wenn einem ein Bekannter entgegenkommt und man sich schon zugenickt hat, aber noch zu weit entfernt ist, um Worte zu wechseln.
Nachgrinsen, das
Wenn sich zwei Bekannte begegnen und zum Gruß ein Lächeln aufsetzen, bleibt dieses nach dem Passieren als sogenanntes "Nachgrinsen" nach ein Weile im Gesicht stehen. Mit etwas Glück kann man beobachten, wie ein Mensch sich dieser mittlerweile sinnentleerten Maske bewußt wird und versucht, das Nachgrinsen unauffällig wieder in einen neutralen Gesichtsausdruck zu überführen.
Robert von Cube (aus TITANIC)
Die Distanz, die es einfallsreich zu überbücken gilt, wenn einem ein Bekannter entgegenkommt und man sich schon zugenickt hat, aber noch zu weit entfernt ist, um Worte zu wechseln.
Nachgrinsen, das
Wenn sich zwei Bekannte begegnen und zum Gruß ein Lächeln aufsetzen, bleibt dieses nach dem Passieren als sogenanntes "Nachgrinsen" nach ein Weile im Gesicht stehen. Mit etwas Glück kann man beobachten, wie ein Mensch sich dieser mittlerweile sinnentleerten Maske bewußt wird und versucht, das Nachgrinsen unauffällig wieder in einen neutralen Gesichtsausdruck zu überführen.
Robert von Cube (aus TITANIC)
Montag, 14. November 2016
Schlafen sollt ihr!

"Den gesündesten Verstand hat der Mensch, der schläft, und er drückt ihn aus, indem er schnarcht."
Henry David Thoreau, aus Walden
Donnerstag, 28. Juli 2016
Holt sie von den Sockeln!

Holt sie von den Sockeln! Stellt sie bloss! Lösen wir uns endlich einmal von der Vorstellung,
- Hans A. Pestalozzi - "Auf die Bäume ihr Affen", Zytglogge 1989
Dienstag, 9. Februar 2016
Fremdes Blut
"Nur die werden als Menschen angesehen, die von gleichem Blut sind oder dem gleichen Boden entstammen; der 'Fremde' ist ein Barbar. Die Folge ist, daß auch ich mir selbst ein 'Fremder' bleibe, da ich die Menschheit nur in der verkrüppelten Form erleben kann, die durch die Gruppe mit gemeinsamen Blut repräsentiert wird."
Erich Fromm - "Die Seele des Menschen"
Freitag, 18. Dezember 2015
Deppenkluft

Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstvertrauen sind.
Charles Bukowski
Donnerstag, 25. Juni 2015
Es ist eine Farce!!

Das Leben wird zunehmend in unserer Makro-Funktional-Gesellschaft vom natürlichen Reiz entwöhnt; wenn man sich zusätzlich noch eigene Gesetze schafft, denen man sich unterwirft und unverschämterweise auch noch anderen diese abverlangt, wird es zu einer Farce.
Prof. Dr. Helge Schneider
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